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Zukunft braucht Herkunft

Dr. Hartl Dr. Buske
Dr. Robert Hartel Dr. Andreas Buske

Was war Ihre größte Herausforderung auf dem Weg nach oben?

Dr. Buske: Das Vertrauen der Mitarbeiter zu gewinnen war für mich die größte Herausforderung. Ob es zwei Fremden gelingt, die Mannschaft zu begeistern, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie hinter die Sache zu bringen. Und zwar so, dass sie leidenschaftlich dafür durchs Feuer gehen. Und den Zug nicht nur stützen, sondern ihn auch voranziehen. Daran haben wir intensiv gearbeitet und es im Großen und Ganzen auch geschafft.

Dr. Hartel: Das Vertrauen der Mitarbeiter zu gewinnen und sie zu motivieren – das waren auch für mich die größten Eckpfeiler. Zu den Herausforderungen zählten eine fehlende Markenbekanntheit, eine mangelnde Markttransparenz und eine konsequente Umsetzung im Markt. Neue Vertriebsstrukturen mussten aufgebaut, Partner motiviert und Vertriebseinheiten in den einzelnen Ländern positioniert werden. Die Mitarbeiter mussten all diese Veränderungen mittragen. In der Nachbetrachtung muss ich sagen: Sie haben diese Pfeiler aufgestellt. Sie haben uns stabilisiert und letzten Endes auch das Werk. Das haben wir den Mitarbeitern und ihrer Leidenschaft zu verdanken.

Persönliches Engagement, Mut und Kreativität – im Jahr 2006 haben Sie für Ihr Sanierungskonzept die Auszeichnung »Turnarounder des Jahres« erhalten. Was bedeutet diese Würdigung für Sie?

Dr. Hartel: Ich würde diese Frage gerne an unsere Mitarbeiter weiterleiten. Wir sind ja nur Wegbereiter gewesen, um das zu gestalten. Die Umsetzung aber haben alle im Unternehmen geleistet. Somit ist das nicht nur eine Auszeichnung für uns, sondern für alle, die daran teilgehabt haben. Dr. Buske: Wir sind stolz auf das, was wir erreicht haben. Und all denjenigen dankbar, die geholfen haben. Wir sehen diese Würdigung als Herausforderung, das Begonnene nachhaltig in die Zukunft zu tragen. Damit auch morgen noch eine Verlässlichkeit der Aussagen gegeben ist. 2007 haben Sie mit der Übernahme der Marke Jenaer Glas erneut Mut bewiesen. Oder ist dieser Schritt ganz einfach die logische Fortführung des 2001 initiierten Weges?

Dr. Buske: Mit Jenaer Glas wurde uns eine der bekanntesten Glasmarken in Deutschland und Japan in die Hand gelegt. Wir wären unvernünftig gewesen, hätten wir diese Herausforderung nicht angenommen. Mit dieser Traditionsmarke, die der Inbegriff für hitzebeständiges Glas ist, vervollständigen wir unser Genussportfolio um den Aspekt Kochen und Food. Stichwort Genuss – Ihre Produkte stehen unter anderem dafür, Momente des Genießens perfekt zu inszenieren. Wie sieht so ein Moment für Sie ganz persönlich aus? Dr. Buske: Genuss ist etwas ganz Persönliches. Etwas, das man weder verallgemeinern noch übertragen kann. Es gibt völlig unterschiedliche Genussmomente, die in ihrem Reiz einzigartig sind. Das kann ein Abend zu Hause vor dem Kamin sein, oder ein entspannter Moment im Urlaub. In solchen Situationen verbinden sich unterschiedliche Facetten zu einem symbiotischen Ganzen, das diesen Augenblick so perfekt sein lässt.

 

Der Volksmund sagt: »Scherben bringen Glück.« Das sehen Sie sicher anders. Worauf konzentrieren Sie sich gerade in der Entwicklungsarbeit?

Dr. Hartel: Wir konzentrieren uns auf die Kundenzufriedenheit. Letztendlich liegt unser Glück nicht im zerbrochenen Glas, ganz im Gegenteil. Wir haben hart dafür gearbeitet, dass unsere Kunden ein besonders bruchfestes Glas in Händen halten. Heute macht es uns glücklich, dass wir mit unseren funktionalen Tritan®-Kristallgläsern der Konkurrenz einen Schritt voraus sind.

Dr. Buske: Wir sind mutig genug zu sagen: Wir verkaufen kein Glas. Wir verkaufen ein Konzept, das helfen kann, dem Endkunden Zufriedenheit zu garantieren. Ein Beispiel: Kunden, die Zwiesel 1872 kaufen, erwerben damit einfach ein gutes Gefühl. Sie gönnen sich etwas, tun sich was Gutes. Und sie dokumentieren ihr Wissen um die gehobene Kultur des Weines. Marken vermitteln ja ein Stück Sicherheit. Und da nimmt der Aspekt der Kundenzufriedenheit einen ganz großen Stellenwert ein.

Welche Prozesse haben Sie eingeleitet, um in der technischen Produktion weiterhin den Markt zu führen?

Dr. Hartel: In den letzten Jahren hat es bahnbrechende Veränderungen gegeben, die wir forciert haben und mit denen wir den Markt führen. Wir arbeiten an neuen Projekten, die wieder für Furore sorgen werden. Die große Herausforderung ist hier, die Verbesserung auf der einen Seite bezahlbar und gleichzeitig reproduzierbar zu machen. Bisher haben wir bewiesen, dass wir Vorreiter sein können. Wir werden zeigen, dass wir diese Position auch weiterhin einnehmen können. Noch so eine Losung: Alles bleibt anders. Oder bayerisch interpretiert: Nichts bleibt, wie es ist.

Wie wichtig ist Ihnen der konstante Wandel?

Dr. Hartel: Er ist unser Lebenselixier. Stillstand ist Ende. Wandel ist notwendig, er steht für Zukunftsorientierung. Wer ihn aus dem Blickfeld verliert, bleibt einfach stehen. Wandel ist ein Lebenselixier, das bei uns ganz bewusst gefördert wird. Und das nicht nur auf der technischen Seite, sondern auch im Bereich Design. Wandel ist unabdingbar. Patententwicklungen oder auch Design-Awards entstehen nur, wenn man auch auf das Neue zusteuert. Wir als Eigen- Das Unternehmen 17 tümer und Vorstände leben das vor, indem wir immer wieder neue Aufgabenstellungen an das Unternehmen herantragen und einfach neue Lösungen suchen.

Eines aber ist immer gleich geblieben – der Standort. Wie wichtig ist Zwiesel für den Erfolg des Unternehmens?

Dr. Hartel: Die Region ist eng mit der Geschichte der Glasproduktion in Deutschland und in Europa verbunden. Sie ist die Wiege der Glasindustrie im manufakturellen und maschinellen Bereich. Das spürt man bei den Leuten hier. Glas ist immer noch etwas Besonderes für sie, eine Glashütte strahlt in ihren Augen immer noch eine gewisse Aura aus. Diese Aura möchten wir bewahren und sicherstellen, dass sie auch bei der Maschinenfertigung erhalten bleibt. Das Herzblut eines Glasmachers soll auch hier spürbar werden. Einher geht damit eine für die Gegend und Deutschland überaus hohe Zuverlässigkeit, Loyalität und Motivationsfähigkeit der Mitarbeiter. Und auch eine hohe Belastbarkeit, wenn es darum geht, harte Zeiten durchzustehen.

In Zwiesel wird seit dem 15. Jahrhundert Glas hergestellt. In Ihrem Unternehmen seit über 135 Jahren. Wie verbinden Sie die langjährige Historie mit den kurzlebigen Anforderungen eines modernen Marktes?

Dr. Buske: Hier möchte ich den Philosophen Odo Marquard zitieren: Zukunft braucht Herkunft. Ich denke, man kann die Herausforderungen der Zukunft überhaupt nicht annehmen, wenn man nicht auf der Vergangenheit aufbauen kann. Das ist gelebte Realität, die wir verinnerlicht haben. Wir versuchen, den Facettenreichtum der Welt zu atmen, wissen aber sehr wohl um das, was unsere Wurzeln ausmacht. Das hat auch mit Erziehung zu tun. Wir wollen Wurzeln geben und Flügel schenken. Wenn uns das gelingt, dann können wir auf begeisterte Mitarbeiter vertrauen und stolz darauf sein, dass das, was hier in Zwiesel entsteht, am Ende auch am Weltmarkt Akzeptanz findet.